Ein Bildzyklus von Michael Martensen
Ein Ereignis.
Vier Menschen.
Und ein Schweigen, das über Jahrzehnte andauert.
Der Werkzyklus „Die Geschichte eines Schweigens“ nähert sich einer Begebenheit, deren Umstände nie vollständig geklärt wurden. Die Bilder rekonstruieren keine konkrete Handlung. Stattdessen zeigen sie Fragmente einer Erinnerung – Andeutungen, Begegnungen, Rollen.
Wie in einem Kriminalfall tauchen Figuren auf, verschwinden wieder, werden zu Zeugen, zu Beteiligten oder zu stummen Beobachtern.
Wer bin ich – und wer werde ich?
Zwischen meinen Rollen spannt sich mein Leben auf, ein schmaler Grat zwischen dem gelebten und dem womöglichen Ich.
Dieses Bild zeigt keinen Widerspruch, sondern ein inneres Gleichzeitiges.
Ein Gesicht hebt sich nach oben – still, lauschend, fast entrückt. Es sucht Erkenntnis jenseits des Lärms, jenseits des Körpers.
Das andere bricht aus. Es schreit. Ungefiltert, roh, unaufhaltsam.
Farbe wird hier zum inneren Echo, Gestik zur Sprache dessen, was sich nicht mehr zurückhalten lässt.
Kein körperlicher Schmerz ist sichtbar – und doch ist er da.
Ein psychischer Schmerz, der keinen Ort findet, außer im Ausdruck selbst.
Der Januskopf ist kein Ornament.
Er ist ein Spannungsraum.
Ein Ort, an dem Erkenntnis und Überforderung, Stille und Ausbruch, Hoffnung und Zumutung gleichzeitig existieren.
Ich blicke nach innen – und werde dabei nach außen gezwungen.
Die Geschichte eines Schweigens
Die Einladung
Vier Figuren erscheinen im Bildraum – zwei Männer im Vordergrund, hinter ihnen zwei weitere Gestalten, nur schemenhaft erkennbar. Die Gesichter bleiben unscharf, beinahe austauschbar. Nur ihre Präsenz ist deutlich.
Die beiden Männer wirken wie Brüder. Hinter ihnen folgen zwei Frauen. Ihre Identität bleibt verborgen, doch ihre Anwesenheit ist spürbar. Sie folgen den Männern ……
Was zunächst wie eine beiläufige Begegnung wirkt, wird zum Ausgangspunkt einer Geschichte, deren Verlauf im Dunkeln bleibt.
Das Schweigen
Die Erinnerung beginnt zu verschwimmen.
Gesichter werden unklar, Konturen lösen sich auf. Was bleibt, sind Andeutungen und offene Fragen.
Die Figuren wirken präsent und gleichzeitig unerreichbar – als lägen zwischen Ereignis und Erinnerung viele Jahre.
Rekonstruktion eines Abends
Diese Gemälde gehören zu den ersten Versuchen, ein Ereignis zu rekonstruieren, das nie vollständig aufgeklärt wurde.
Vier Menschen treffen sich an einem Abend. Zwei Brüder und zwei Frauen. Was zunächst wie eine harmlose Begegnung beginnt, verändert sich im Verlauf der Nacht. Die Atmosphäre kippt, Rollen verschieben sich, Nähe wird zu Spannung.
War es ein gemeinsames Spiel, eine Party, ein Moment der Freiheit?
Oder geriet die Situation außer Kontrolle?
Vielleicht war alles geplant – vielleicht auch nicht.
Die Bilder zeigen keine eindeutige Handlung. Sie sind Fragmente einer Erinnerung. Körper, Gesten und Blicke erscheinen wie Momentaufnahmen eines Geschehens, dessen Wahrheit sich nicht mehr eindeutig rekonstruieren lässt.
Die Figuren wirken gleichzeitig präsent und entrückt – als lägen zwischen dem Ereignis und seiner Erinnerung viele Jahre.
So entsteht ein Bildraum zwischen Realität und Deutung.
Die Gemälde stellen Fragen, ohne sie zu beantworten.
Was an diesem Abend wirklich geschah, bleibt Teil eines Schweigens.
Monate später
Monate sind vergangen.
Der Abend liegt längst hinter den Beteiligten, doch seine Folgen wirken weiter.
Eine weibliche Figur steht im Raum. Ihr Körper wirkt verletzlich und zugleich entschlossen. Hinter ihr erscheint die Waage der Justiz – ein Symbol für Abwägung, Urteil und Verantwortung.
Was an jenem Abend geschah, lässt sich nicht mehr eindeutig rekonstruieren. Erinnerungen widersprechen sich, Aussagen bleiben unklar. Dennoch beginnt nun ein Prozess, in dem versucht wird, Wahrheit zu finden.
Das Bild zeigt keinen konkreten Gerichtssaal. Es zeigt vielmehr den inneren Moment der Entscheidung: den Schritt vom Schweigen zum Sprechen.
Im Zyklus „Die Geschichte eines Schweigens“ markiert dieses Bild den Zeitpunkt, an dem das lange Verdrängte wieder sichtbar wird.
Der Richter – Das Urteil
Monate sind vergangen seit jener Nacht.
Eine der Frauen ist schwanger geworden.
Das Kind wird geboren. Die junge Mutter ist siebzehn Jahre alt. Weder eine Abtreibung noch eine Adoption kommen für sie in Frage.
Der Fall geht vor Gericht.
Im Zentrum der Verhandlung steht die Frage nach der Vaterschaft. Zwei Brüder geraten in den Fokus der Ermittlungen. Doch eine eindeutige Klärung ist nicht möglich. Zu jener Zeit existiert noch kein genetischer Vaterschaftstest, der Gewissheit schaffen könnte.
Die Aussagen bleiben widersprüchlich, die Beweise unzureichend.
Am Ende spricht das Gericht die Brüder frei.
Das Urteil beendet das Verfahren, aber nicht die Fragen.
Bis heute bleibt ungeklärt, wer der Vater des Kindes ist.
Im Bild erscheint der Richter als überlebensgroße Figur – eine Instanz der Entscheidung. Doch auch seine Autorität kann nicht auflösen, was im Kern der Geschichte verborgen bleibt.
So wird das Urteil selbst Teil des Schweigens.

